Meinungsforschung: Experte Matthias Jung im Interview

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Ein Gespräch mit Matthias Jung, dem Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, über Wahlinstitute, die Arbeit der Demoskopen und die Diversität der Nichtwähler.

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Zu Gast bei WDR5 – „Neugier genügt“

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Überdimensionale Kopfhörer und ein ungewohnt großes Studiomikrofon. Für Juana die erste Radiosendung, in der sie zu Gast war und gleich bei WDR5 in der Sendung „Neugier genügt“. Moderator Achim Schmitz-Forte führte durch das rund 10-minütige Interview.
Zu Beginn durfte sie die Ziele des Blogs vorstellen und von unseren Straßenumfragen berichten, erklärte anschließend die Politiker-Statements und schilderte von unseren Erfahrungen mit Lesern sowie Befragten und wie sie mit Feedback umgeht.
Das Politik nichts mit Lust zu tun hat, stellte Juana im folgenden Teil dar. Angesprochen wurde aber auch die Unlust an der Wahl, insbesondere wenn Prominente wie Peter Sloterdijk oder der Soziologe Harald Wälzer, die wohl nicht wählen werden, öffentlich gegen einen Gang zur Wahlurne hinweisen.
Doch hört selbst einmal rein, die komplette Sendung ist jetzt online abrufbar:

Wahlkampf im Social Web

Alle reden davon, dass der Wahlkampf im Netz wichtiger wird denn je. Hierzu zählen nicht nur die Internetauftritte von Parteien und Politikern, sondern vor allem auch soziale Plattformen wie Facebook und Twitter. Und wer sich genauer umsieht, stellt fest, dass diese auch vermehrt genutzt werden. Aber wie ist das eigentlich? Wie wichtig sind die Plattformen wirklich? Wer schaut sie sich an? Beeinflussen sie die Wahlentscheidung der Mehrheit der Wähler?

Zunächst schaue ich mich ein wenig auf Facebook um. Die erste Feststellung: Das erfolgreichste Profil ist das von Angela Merkel mit über 350.000 Likes. Nach dem Kanzlerduell am Sonntag finden sich auf dem Profil zuerst einmal viele Posts mit Zitaten von Merkel ohne jegliche Bilder, die augenscheinlich ihre Redaktion gepostet hat, alle versehen mit dem Hashtag #tvduell. Ich frage mich: Wäre das nicht eher was für Twitter? Aber einen Twitter-Account hat die Kanzlerin nicht. Danach folgen einige Post von Bildern von Wahlkampfveranstaltungen, geteilte Links von Wahlwerbespots und ähnliches. Auch hiervon ist das meiste von der Redaktion geschrieben worden, nur ganz vereinzelt findet sich ein Post, der mit /am gekennzeichnet ist. Die hat Frau Merkel dann wohl selbst geschrieben. Insgesamt fällt auf: Inhalte sucht man hier vergebens.

Bei ihrem Herausforderer Peer Steinbrück sieht das schon anders aus. Auch hier gibt es zwar viele Bilder von Peer Steinbrück in der Timeline, aber oftmals sind sie mit einem kurzen, inhaltlichen Statement zur aktuellen Politik und zu Wahlkampfthemen versehen. Allerdings muss man sagen, dass Frau Merkel Peer Steinbrück mit ihren Likes weit überholt: Nur etwas über 40.000 Menschen haben bei dem Kanzlerkandidaten der SPD auf „gefällt mir“ geklickt.

Wie sieht es mit den Profilen der Parteien aus? Wenig überraschend ist, dass die Piratenpartei mit Abstand die meisten Likes hat. Darauf folgen die AfD, die SPD und dann die CDU. Den meisten Wachstum an Likes hat mit Abstand die SPD. Und Inhalte? Bei der SPD bewirbt man hauptsächlich verschiedene Politiker, Kandidaten und Veranstaltungen. Die CDU fixiert sich auf ihrem Profil sehr auf die Kanzlerin und darauf, was man bisher unter schwarz-gelb erreicht hat. Aussagen darüber, was die Inhalte des Wahlkampfes sind, gibt es auch hier eher wenig. Die findet man stattdessen bei den Grünen zuhauf, bei der Linken manchmal und bei der FDP vereinzelt.

Das ist also der Wahlkampf auf Facebook.

Und was ist mit Twitter? Gibt es dort mehr Inhalte? Welche Tweets sind erfolgreich?

Zuerst schaue ich mir die Accounts der Parteien an. Bei der CDU: Enttäuschung. Keine Inhalte. Oft werden Links getwittert: zum Wahlwerbespot zum Beispiel. Außerdem zielen viele Tweets darauf ab, die Schwächen von Peer Steinbrück und der SPD darzustellen. Die SPD hingegen verweist hauptsächlich auf Sendungen im Fernsehen, bei denen Kandidaten zu Gast sind. Bei den Grünen gibt es einige Verweise auf Demonstrationen, auf denen sie anzutreffen sind. Außerdem vereinzelt: Endlich ein paar Inhalte! Auch bei der Linken gibt es Inhalte aus dem Wahlkampf und nebenbei ein paar kritische Kommentare über andere Parteien. Das gleiche Bild ergibt sich bei der FDP.

Die meisten Follower hat mit Abstand die Piratenpartei, die wenigsten die FDP.

Auch Kandidaten und Abgeordnete haben Twitter-Accounts und sind hierbei mehr oder weniger aktiv. Einzige wirkliche Auffälligkeit: Angela Merkel sucht man auf Twitter vergeblich.

So sieht also der Wahlkampf in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter aus. Die Frage, die bleibt, ist: Wer verfolgt diesen Wahlkampf? Und hilft er wirklich bei der Entscheidung, wen wir wählen sollen?

Aufgrund eines Interviews mit Geesche Jost, der Netzexpertin der SPD, hält die Tagesschau fest, dass auf Twitter netzpolitische Themen und Sachverhalte diskutiert werden, das Zielpublikum hier besteht zumeist aus Politikern, aktiven Bloggern, Journalisten und politisch Interessierten. Diese tauschen sich auch über die politischen Inhalte aus und diskutieren aus aktuellen Anlässen, wie erst kürzlich beim Kanzlerduell. Das Publikum bei Facebook ist deutlich breiter, hier finden sich auch weniger politisch Interessierte, außerdem auch Leute, die zwar auf „gefällt mir“ klicken, aber die Posts nicht weiter verfolgen.

Aber wie ist nun die Reichweite des Wahlkampfes in sozialen Netzwerken? Ulla Fiebig hat bei Twitter eine Umfrage gemacht, wie der Online-Wahlkampf wahrgenommen wird. Die häufigste Antwort: Welcher Online-Wahlkampf? Die Reichweite scheint also noch nicht besonders groß zu sein. Außerdem fällt mir auf, dass auf den sozialen Plattformen kaum politische Inhalte dargestellt werden. Es kommt scheinbar hauptsächlich darauf an, sich sympathisch zu geben und überhaupt wahrgenommen zu werden. Bedenkt man außerdem, dass es für die Bundestagswahl mehr als 60 Millionen Wahlberechtigte gibt, klickt nur ein Bruchteil davon bei Facebook auf „gefällt mir“ und noch weniger nutzen Twitter, um den Parteien oder Abgeordneten zu folgen. Vor allem Nichtwähler werden so wohl nicht erreicht. Und dabei sind doch gerade junge Menschen, die vielleicht noch nicht wissen, wen sie wählen sollen, viel im Social Web unterwegs.

Trotzdem bleibt festzuhalten: Die Präsenz in sozialen Netzwerken wird zunehmend wichtiger. Die Anzahl der Follower und Likes nimmt permanent zu und auch die Medien berichten immer mehr über den Wahlkampf im Netz. Eine schöne Übersicht, über Analyse-Tools zur Bedeutung von Social-Media im Wahlkampf gibt es zum Beispiel beim Hamburger Wahlbeobachter. Meine Meinung ist aber: Bis der Wahlkampf auf Sozialen Plattformen wirklich den Wählerwillen beeinflusst, wird es noch eine Weile dauern.

Fünf Gründe nicht zu wählen

1. Es könnte sich was ändern

Ihr habt ein Dach über dem Kopf, der Kühlschrank ist voll und ein warmes Bett? Sowas möchte man ja nicht verlieren. Da ein Wechsel in der Politik unter Umständen, vielleicht, möglicherweise, ansatzweise, zu einem Bruchteil etwas in der Gesellschaft verändern könnte, könnte möglicherweise, da wir ja alle ein Teil der Gesellschaft sind, sich auch unser Leben unter Umständen verändern. Aber da es ja äußerst schön ist, wie alles ist, sollte man kein Risiko eingehen und die Wahl ignorieren.

2. Es ist Sonntag?!

Was fällt eigentlich demjenigen ein, der sich es ausdachte, sonntags Wahlen anzusetzen. Steht es nicht schon in der Bibel, das der siebte Tag ein RUHETAG ist. Ruhe bedeutet nix tun, sich vom Stress der Woche erholen und entspannen. Einfach vor dem Fernseher sitzen und gemütlich das sonntägliche Programm sehen.

3. Superman geht auch nicht zur Wahl

Man lege mir das Heft vor, in dem ein Superheld sich am Sonntag Morgen in die nächste Grundschule bewegt, um sich an einen dreckigen Tisch zu setzen, zwei Kreuze macht, weil er glaubt, damit die Welt zu retten, und mit gehobener Brust an den graubratzigen Wahlhelfern vorbeizuschreiten, mit dem guten Gefühl die Bösewichte ausgeschaltet zu haben.

4. Es ändert sich doch nichts

Meine Stimme ist eine Stimme unter Millionen. Das bedeutet doch, das meine eine kleine Stimme gerade mal einen Bruchteil des Ergebnisses ausmacht. Naklar, wenn alle so denken, kommen wieder die Nazis und so. Gibt es auch noch andere Argumente als Hitler? Ich hätte gerne, dass die Pizzapreise gesenkt werden und aus Freitag FreiBIERtag wird. Solange sich all dieses keine Partei auf die Fahnen schreibt, fühle ich mich nicht angesprochen.

5. Man schaue sich doch nur die Wahlplakate an

Wenn ihr, liebe Politiker, echten Wahlkampf mit echten Inhalten macht, werde ich auch echte Kreuze machen. Für ein Du, Wir, Mit uns, Gemeinsam und zu 100%.

Auf der Suche nach der Demokratie

Nur noch 64 Tage, dann ist Bundestagswahl. Ein Grund, dass viele Medien und Journalisten über Parteien, Politiker und Programme schreiben, filmen und berichten.

Jedoch interessiert es die Menschen noch, was Politiker erzählen? Die Grünen zogen in den Krieg und Angela Merkel schaffte die Atomkraft ab. Macht es dann einen Unterschied, wem ich bei der Wahl meine Stimme gebe oder Wahl Wahl sein lasse und mir einen gemütlichen Sonntag mache.

Die allgemeine, freie, gleiche und geheime Wahl steht als Symbol für die Demokratie, die – wie einst Churchill sagte – schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen aller anderen. Die Wahlbeteiligungen der letzten Jahre deuten eher darauf hin, dass wir Deutsche uns dessen nicht mehr bewusst sind. Arabischer Frühling, Gezi Park, Mohammed Mursi – die Menschen dort wünschen sich eine Demokratie. Doch werden wir unsere Stimme verschenken?

Steht die Wahlurne in Deutschland noch für Demokratie oder sollten wir das Symbol der Urne wörtlich nehmen und den Niedergang vorbereiten?

Dieser Frage stellt sich die Wahlurne und möchte Menschen befragen, warum man wählen sollte. Es soll ein demokratisches Format werden, das sich in Politik und Gesellschaft umsehen wird auf der Suche nach der Demokratie. Parteienprogramm ist uns egal und Wahlaussagen bleiben unbewertet.

Wir werden Interviews mit Politikern führen, Strassenumfragen machen, Gesellschaftsprojekte vorstellen und Folgen des Wahlergebnisses aufzeigen, ohne die eine oder andere Richtung zu werten.

Wir hoffen viele Statements sammeln zu können, warum Menschen zur Wahl gehen und genauso aber auch herauszufinden, warum nicht und hoffentlich die Politik aufmerksam machen zu können, was gerade läuft, oder einfach auch schief.

Und vielleicht bewegen wir ja einen Nichtwähler dazu, zur Wahl zu gehen.