Wahlkampf im Social Web

Alle reden davon, dass der Wahlkampf im Netz wichtiger wird denn je. Hierzu zählen nicht nur die Internetauftritte von Parteien und Politikern, sondern vor allem auch soziale Plattformen wie Facebook und Twitter. Und wer sich genauer umsieht, stellt fest, dass diese auch vermehrt genutzt werden. Aber wie ist das eigentlich? Wie wichtig sind die Plattformen wirklich? Wer schaut sie sich an? Beeinflussen sie die Wahlentscheidung der Mehrheit der Wähler?

Zunächst schaue ich mich ein wenig auf Facebook um. Die erste Feststellung: Das erfolgreichste Profil ist das von Angela Merkel mit über 350.000 Likes. Nach dem Kanzlerduell am Sonntag finden sich auf dem Profil zuerst einmal viele Posts mit Zitaten von Merkel ohne jegliche Bilder, die augenscheinlich ihre Redaktion gepostet hat, alle versehen mit dem Hashtag #tvduell. Ich frage mich: Wäre das nicht eher was für Twitter? Aber einen Twitter-Account hat die Kanzlerin nicht. Danach folgen einige Post von Bildern von Wahlkampfveranstaltungen, geteilte Links von Wahlwerbespots und ähnliches. Auch hiervon ist das meiste von der Redaktion geschrieben worden, nur ganz vereinzelt findet sich ein Post, der mit /am gekennzeichnet ist. Die hat Frau Merkel dann wohl selbst geschrieben. Insgesamt fällt auf: Inhalte sucht man hier vergebens.

Bei ihrem Herausforderer Peer Steinbrück sieht das schon anders aus. Auch hier gibt es zwar viele Bilder von Peer Steinbrück in der Timeline, aber oftmals sind sie mit einem kurzen, inhaltlichen Statement zur aktuellen Politik und zu Wahlkampfthemen versehen. Allerdings muss man sagen, dass Frau Merkel Peer Steinbrück mit ihren Likes weit überholt: Nur etwas über 40.000 Menschen haben bei dem Kanzlerkandidaten der SPD auf „gefällt mir“ geklickt.

Wie sieht es mit den Profilen der Parteien aus? Wenig überraschend ist, dass die Piratenpartei mit Abstand die meisten Likes hat. Darauf folgen die AfD, die SPD und dann die CDU. Den meisten Wachstum an Likes hat mit Abstand die SPD. Und Inhalte? Bei der SPD bewirbt man hauptsächlich verschiedene Politiker, Kandidaten und Veranstaltungen. Die CDU fixiert sich auf ihrem Profil sehr auf die Kanzlerin und darauf, was man bisher unter schwarz-gelb erreicht hat. Aussagen darüber, was die Inhalte des Wahlkampfes sind, gibt es auch hier eher wenig. Die findet man stattdessen bei den Grünen zuhauf, bei der Linken manchmal und bei der FDP vereinzelt.

Das ist also der Wahlkampf auf Facebook.

Und was ist mit Twitter? Gibt es dort mehr Inhalte? Welche Tweets sind erfolgreich?

Zuerst schaue ich mir die Accounts der Parteien an. Bei der CDU: Enttäuschung. Keine Inhalte. Oft werden Links getwittert: zum Wahlwerbespot zum Beispiel. Außerdem zielen viele Tweets darauf ab, die Schwächen von Peer Steinbrück und der SPD darzustellen. Die SPD hingegen verweist hauptsächlich auf Sendungen im Fernsehen, bei denen Kandidaten zu Gast sind. Bei den Grünen gibt es einige Verweise auf Demonstrationen, auf denen sie anzutreffen sind. Außerdem vereinzelt: Endlich ein paar Inhalte! Auch bei der Linken gibt es Inhalte aus dem Wahlkampf und nebenbei ein paar kritische Kommentare über andere Parteien. Das gleiche Bild ergibt sich bei der FDP.

Die meisten Follower hat mit Abstand die Piratenpartei, die wenigsten die FDP.

Auch Kandidaten und Abgeordnete haben Twitter-Accounts und sind hierbei mehr oder weniger aktiv. Einzige wirkliche Auffälligkeit: Angela Merkel sucht man auf Twitter vergeblich.

So sieht also der Wahlkampf in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter aus. Die Frage, die bleibt, ist: Wer verfolgt diesen Wahlkampf? Und hilft er wirklich bei der Entscheidung, wen wir wählen sollen?

Aufgrund eines Interviews mit Geesche Jost, der Netzexpertin der SPD, hält die Tagesschau fest, dass auf Twitter netzpolitische Themen und Sachverhalte diskutiert werden, das Zielpublikum hier besteht zumeist aus Politikern, aktiven Bloggern, Journalisten und politisch Interessierten. Diese tauschen sich auch über die politischen Inhalte aus und diskutieren aus aktuellen Anlässen, wie erst kürzlich beim Kanzlerduell. Das Publikum bei Facebook ist deutlich breiter, hier finden sich auch weniger politisch Interessierte, außerdem auch Leute, die zwar auf „gefällt mir“ klicken, aber die Posts nicht weiter verfolgen.

Aber wie ist nun die Reichweite des Wahlkampfes in sozialen Netzwerken? Ulla Fiebig hat bei Twitter eine Umfrage gemacht, wie der Online-Wahlkampf wahrgenommen wird. Die häufigste Antwort: Welcher Online-Wahlkampf? Die Reichweite scheint also noch nicht besonders groß zu sein. Außerdem fällt mir auf, dass auf den sozialen Plattformen kaum politische Inhalte dargestellt werden. Es kommt scheinbar hauptsächlich darauf an, sich sympathisch zu geben und überhaupt wahrgenommen zu werden. Bedenkt man außerdem, dass es für die Bundestagswahl mehr als 60 Millionen Wahlberechtigte gibt, klickt nur ein Bruchteil davon bei Facebook auf „gefällt mir“ und noch weniger nutzen Twitter, um den Parteien oder Abgeordneten zu folgen. Vor allem Nichtwähler werden so wohl nicht erreicht. Und dabei sind doch gerade junge Menschen, die vielleicht noch nicht wissen, wen sie wählen sollen, viel im Social Web unterwegs.

Trotzdem bleibt festzuhalten: Die Präsenz in sozialen Netzwerken wird zunehmend wichtiger. Die Anzahl der Follower und Likes nimmt permanent zu und auch die Medien berichten immer mehr über den Wahlkampf im Netz. Eine schöne Übersicht, über Analyse-Tools zur Bedeutung von Social-Media im Wahlkampf gibt es zum Beispiel beim Hamburger Wahlbeobachter. Meine Meinung ist aber: Bis der Wahlkampf auf Sozialen Plattformen wirklich den Wählerwillen beeinflusst, wird es noch eine Weile dauern.

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